Voraussetzung
Zur historischen Bestimmtheit der Wahrnehmungstätigkeit
des Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft
Die bürgerliche Gesellschaft ist eine warenproduzierende Gesellschaft,
die – trotz aller sekundären Schichtungen und Gruppierungen – ihrem Wesen nach
eine Klassengesellschaft ist, in welcher die Klasse der Lohnarbeiter,
die bloß über ihr Arbeitsvermögen verfügen, und die Klasse der Kapitalisten,
die im Besitz der Produktionsmittel sind, sich antagonistisch gegenüberstehen,
der vom Lohnarbeiter gesellschaftlich produzierte Wert vom Kapital privat
angeeignet wird. – Der freie Lohnarbeiter als unmittelbarer Produzent
gesellschaftlichen Reichtums besitzt allein seine eigene Arbeitskraft, die er,
um zu leben, als Ware an den Kapitalisten, der die zur Anwendung der
Arbeitskraft nötigen Produktionsmittel besitzt, verkaufen muß. Gemäß dem
Vertrag, den Kapitalist und Arbeiter miteinander eingehen, wird dem Arbeiter
allein der Wert der zur Erhaltung seiner Arbeitskraft notwendigen Lebensmittel
abgegolten1, während der Kapitalist die von ihm
damit erworbene Arbeitskraft des Arbeiters über die Zeit, die zur Schaffung des
für ihre Reproduktion erforderten Wertes notwendig ist, hinaus beansprucht
und sich den durch solche Mehrarbeit geschaffenen Mehrwert ohne Gegenleistung
aneignet. Der Vertrag zwischen Kapitalist und Arbeiter erscheint nur auf dem
Arbeitsmarkt innerhalb der Zirkulationssphäre, wo Arbeitskraft angeboten und
gekauft wird, als ein in »Gleichheit « und »Freiheit « gegründetes Rechtsverhältnis.
Sobald der Arbeiter dem Verwertungsprozeß der kapitalistischen Produktion
unterworfen ist, erweist sich, daß er durch den Verkauf seiner Arbeitskraft,
den er, um zu leben, vollziehen mußte, die Bestimmung über seine eigene
Person und die Möglichkeit zur Entfaltung seiner menschlichen Wesenskräfte
preisgegeben hat. Das scheinbare Rechtsverhältnis ist die Oberflächengestalt
eines Ausbeutungsverhältnisses. – Das Kapital, in dem es im Verwertungsprozeß
den vom Arbeiter geschaffenen Mehrwert in sich einsaugt, akkumuliert sich beständig
und maßlos. Der Arbeiter vergrößert unabhängig von seinem Willen durch seine
eigene Wertschöpfung immer mehr die Macht des Kapitals, das ihn ausbeutet,
produziert damit (selbst bei absoluten Verbesserungen seiner Lebenslage) den
Anstieg der relativen Armut seiner Klasse. Der Lohn, den der Arbeiter vom
Kapitalisten erhält, scheinbar die vertraglich festgelegte Leistung des
Kapitals für das Recht der Anwendung der Arbeitskraft, stammt in Wirklichkeit
aus dem durch Lohnarbeit produzierten Mehrwert; der Kapitalist gibt hier aus
dem durch die gesamte Arbeiterklasse geschaffenen und vom Kapitalisten
angeeigneten Mehrwert lediglich den Teil wieder an die einzelnen Arbeiter
zurück, den diese für den Erwerb der zur Erhaltung ihrer Arbeitskraft
notwendigen Lebensmittel brauchen.
In der Warenproduktion,
die notwendige, wenn auch nicht hinreichende Voraussetzungen für die Entstehung
der bürgerlichen Gesellschaft ist, werden nicht in bewußter arbeitsteiliger
Kooperation Gebrauchswerte geschaffen, die nach einsichtigen Kriterien gesellschaftlicher
Umverteilung unterliegen. Die Waren sind vielmehr Resultat unabhängig
voneinander betriebener Privatarbeiten, die auf dem Markt gegeneinander
getauscht werden. Der Tausch erheischt, in dem Maße, wie er bestimmende
gesellschaftliche Verkehrsform wird, eine allgemeine quantitative Vergleichbarkeit
der zu tauschenden Produkte. Eine solche Vergleichbarkeit kann sich nicht aus
den Gebrauchswert-Vergegenständlichungen ergeben, da diese nicht abstrakt
quantitativ gegeneinander verrechenbar sind; Maßstab für den Warenvergleich ist
vielmehr der Tauschwert der – wie Marx aufbauend auf der klassischen
Ökonomie eingehend nachgewiesen hat – auf dem Markt realisierter Warenwert ist,
welcher sich nach der zur Herstellung des Produktes im gesellschaftlichen
Durchschnitt benötigten Arbeitszeit bemißt, also eine von aller Inhaltlichkeit
entkleidete abstrakt-quantitative Größe darstellt.
In der
entwickelten Tauschgesellschaft werden die Waren nicht direkt oder vermittelt
über wechselnde Warenarten gegeneinander ausgetauscht, sondern über ein
Drittes, ein allgemeines »tertium comparationis«, das Geld. Geld ist eine
bestimmte Art von Ware, die sich in dem Maße historisch herausbildete, wie der
Tausch universelles Mittel gesellschaftlicher Umverteilung wurde. Im Geld hat
sich die Tauschfunktion verselbständigt. Der einzige Gebrauchswert der Geldware
als solcher ist, durch Ermöglichung des quantitativen Vergleichs von allem und
jedem den universellen Tausch zu ermöglichen. Geld ist mithin nicht
Voraussetzung, sondern historische Konsequenz des sich immer weiter entwickelnden Tauschverhältnisses. »Die Waren werden nicht durch das Geld
kommensurabel. Umgekehrt. Weil alle Waren als Werte vergegenständlichte menschliche
Arbeit, daher an und für sich kommensurabel sind, können sie ihre Werte
gemeinschaftlich in derselben spezifischen Ware messen und diese dadurch in ihr
gemeinschaftliches Wertmaß oder Geld verwandeln. Geld als Wertmaß ist
notwendige Erscheinungsform des immanenten Wertmaßes der Waren, der Arbeitszeit«
(Marx, MEW 23, S. 109). – Der Preis der Ware weicht durch
mannigfache Zusatzbedingungen von ihrem nach der zu ihrer Herstellung nötigen
Durchschnittsarbeitszeit bemessenen Wert ab, was hier nicht näher dargelegt
werden kann und im folgenden vernachlässigt wird (vgl. etwa Marx, MEW
25, S. 33 ff.).
In den Waren
als Ergebnissen menschlicher Arbeit ist also nicht nur Gebrauchswert vergegenständlicht,
sondern auch Wert, der nicht an wirklichen Beschaffenheiten des Arbeitsprodukts
bestimmbar ist, sondern lediglich eine am Maßstab gesellschaftlicher Durchschnittsarbeitszeit
gemessene abstrakte Größe darstellt. Demgemäß hat auch die menschliche Arbeit
einen Doppelcharakter, ist einerseits nützliche, gebrauchswertschaffende
Arbeit, andererseits damit und darin gleichzeitig wertschaffende, allein nach
ihrer Zeitdauer bestimmte abstrakt-menschliche Arbeit. – Gebrauchswert und
Tauschwert einer Ware stehen in einem Widerspruchsverhältnis zueinander,
indem während des Tauschakts vom Käufer allein der Gebrauchswertstandpunkt eingenommen
wird, der Tauschwert dagegen nur ein Vehikel darstellt, über den der Besitz der
Ware und damit die Realisation ihres Gebrauchswertes erlangt werden kann,
während vom Verkäufer nur der Tauschwertstandpunkt eingenommen wird, der Gebrauchswert
lediglich als Köder dient, mit dem der Käufer zum Kauf der Ware veranlaßt
werden soll. Jede Ware enthält in ihrer gegenständlichen Hülle beide
widersprüchlichen Momente: ihrer wirklichen Beschaffenheit nach dieses
bestimmte nützliche Ding zu sein und gleichzeitig unabhängig von seinen realen
Eigenschaften über den Maßstab des Geldes mit jeder anderen Ware auf
quantitativ-abstrakte Weise vergleichbar.
In der
bürgerlichen Gesellschaft, in welcher die gesellschaftliche Umverteilung von Gütern
nicht der gemeinsamen Planung nach einsichtigen Prinzipien unterliegt, sondern
sich nach den kapitalistischen Marktgesetzen unabhängig von einem gemeinsamen
Willen der Beteiligten naturwüchsig quasi »von selbst« herstellt, enthalten
scheinbar die Waren als solche in ihrem Tauschwert als gegenständlicher
Beschaffenheit den Maßstab, nach welchem die Waren gegeneinander getauscht
werden. Der Tauschwert, der der Ware als gegenständliches Merkmal zuzukommen
scheint, findet dennoch in ihrer Naturalform keinerlei Niederschlag, da er
tatsächlich ein sachlich eingebundenes rein gesellschaftliches Verhältnis
ist. Die Losgelöstheit der gesellschaftlichen Bewegung von ihren menschlichen
Trägern, der Schein des gesellschaftlichen Tauschverhältnisses als eines Verhältnisses
von Sachen, nach dem die menschlichen Verhältnisse sich regulieren, führt Marx
zu dem Konzept des »Fetischcharakters der Ware«: »Das Geheimnisvolle der Warenform
besteht ... darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer
eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als
gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch
das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer
ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von
Gegenständen ... Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der
Menschen selbst, welche hier für sie die phantasmagorische Form eines
Verhältnisses von Dingen annimmt« (Marx, MEW 23, S. 86). Da die Warenbesitzer
sich nicht als Menschen gegenübertreten, die in der Kooperation bewußt aufeinander
bezogen sind und ihre arbeitsteilige Produktion ,vernünftig planen, sondern als
isolierte Privatpersonen, jeder nur seinem eigenen Interesse verpflichtet,
besitzt die »eigne gesellschaftliche Bewegung« der Austauschenden »für sie die
Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu
kontrollieren« (Marx, MEW 23, S. 89). Die gesellschaftliche
Arbeitsteilung setzt sich so unabhängig von den Zwecken des einzelnen durch,
die gesellschaftliche Bewegung vollzieht sich »hinter dem Rücken« der
Produzenten, folgt scheinbar selbständigen, von den menschlichen
Angelegenheiten abgelösten, undurchschaubaren »Naturgesetzen«.
Die Ware, in
welcher das, versachlichte, abstrakte gesellschaftliche Grundverhältnis des
Warentauschs sich am reinsten kristallisiert, in welcher der Warenfetisch zugleich
seine höchste Ausprägungsform gewinnt, ist das Geld. »Daher die Magie des
Geldes. Das bloß atomistische Verhalten der Menschen in ihrem
gesellschaftlichen Produktionsprozeß und daher ,die von ihrer Kontrolle und
ihrem bewußten individuellen Tun unabhängige, sachliche Gestalt ihrer eignen
Produktionsverhältnisse erscheinen zunächst darin, daß ihre Arbeitsprodukte
allgemein die Warenform annehmen. Das Rätsel des Geldfetischs ist daher nur das
sichtbar gewordene, die Augen blendende Rätsel des Warenfetischs« (Marx,
MEW 23, S. 107 f.). »Das Geld ist ... unmittelbar zugleich das reale Gemeinwesen,
insofern es die allgemeine Substanz des Bestehns für alle ist, und zugleich das
gemeinschaftliche Produkt aller. Im Geld ist aber ... das Gemeinwesen zugleich
bloße Abstraktion, bloße äußerliche, zufällige Sache für den Einzelnen, und
zugleich bloß Mittel seiner Befriedigung als eines isolierten Einzelnen« (Marx,
Gr., 1939/41, S. 137).
In der
bürgerlichen Gesellschaft die das voll entwickelte Tauschverhältnis voraussetzt,
deren historische Bestimmtheit aber im Antagonismus zwischen Lohnarbeit und Kapital
liegt, ist die Warenproduktion zwar notwendiges, aber nicht hinreichendes
Charakteristikum der gesellschaftlichen Produktionsweise. »Die kapitalistische
Produktion ist nicht nur Produktion von Ware, sie ist wesentlich Produktion von
Mehrwert Der Arbeiter produziert nicht für sich, sondern für das Kapital. Es
genügt daher nicht länger, daß er überhaupt produziert. Er muß Mehrwert produzieren«
(Marx, MEW 23, S. 532)2. Das
Geld erscheint hier nicht mehr nur als universelles Tauschmittel, sondern als
»Kapital«, welches, indem es den vom Arbeiter produzierten Mehrwert in sich
einsaugt scheinbar zum selbständigen Träger der gesellschaftlichen Entwicklung,
zum »sich selbst verwertenden Wert« wird. »Die Entwicklung des Kapitals
... unterstellt schon die volle Entwicklung des Tauschwerts der Ware
und daher seine Verselbständigung in Geld. Im Produktions- und
Zirkulationsprozeß des Kapitals wird von dem Wert als selbständiger Gestalt
ausgegangen, der sich erhält, vermehrt, seine Vermehrung an seiner ursprünglichen
Größe mißt in allen changes, die die Waren, in denen er sich darstellt,
durchlaufen, und abgesehen davon, ob er sich selbst in den verschiedensten
Gehrauchswerten darstellt, die Waren wechselt, die ihm als Leiber dienen. Das
Verhältnis des der Produktion vorausgesetzten zu dem aus ihr resultierenden
Werts ... bildet das Übergreifende und Bestimmende des ganzen kapitalistischen
Produktionsprozesses. Es ist nicht nur selbständige Darstellung des Werts wie
im Geld, sondern prozessierender Wert, Wert, der sich erhält in einem Prozeß,
worin die Gebrauchswerte die verschiedensten Formen durchlaufen. im Kapital
tritt die Verselbständigung des Werts also in viel höhrer Potenz auf als im
Geld« (Marx, MEW 26,3, S. 128 f.). Gemäß der Verselbständigung des Kapitals als
sich selbst verwertendem Wert, in dem der »Umweg« über die Mehrwert-Schöpfung
des Lohnarbeiters als unmittelbarem Produzenten spurlos verschwindet, erscheint
das Kapital als die eigentliche Produktivkraft (der Kapitalist demgemäß
als der eigentliche »Produzent«): »Weil die gesellschaftliche Produktivkraft
der Arbeit ... nicht von dem Arbeiter entwickelt wird, bevor seine Arbeit
selbst dem Kapital gehört, erscheint sie als Produktivkraft, die das Kapital
von Natur besitzt, als seine immanente Produktivkraft« (Marx, MEW 23, S. 353).
Da in der
bürgerlichen Gesellschaft die gesellschaftliche Produktion darauf basiert, daß
der Arbeiter seine Arbeitskraft als Ware an den Kapitalisten verkaufen muß, ist
hier der arbeitende Mensch in das versachlichte Verhältnis zwischen den Waren
einbezogen. Die Ware Arbeitskraft hat
zwar hinsichtlich ihrer Gebrauchswert-Charakteristik eine Sonderstellung, weil
sie die einzige Ware ist, die selber Wert schafft, hinsichtlich ihrer Tauschwert-Charakteristik sie aber grundsätzlich mit
allen anderen Waren unabhängig von ihren besonderen »menschlichen« Natureigenschaften
durch das Geld abstrakt-quantitativ kommensurabel. Der Lohnarbeiter als
Verkäufer seiner Arbeitskraft muß diese, und darin in gewisser Weise sich
selbst, auf dem »Arbeitsmarkt« dem Kapitalisten feilbieten; der Köder, mit
welchem er den Kapitalisten zum Kauf verlockt, ist der Gebrauchswert der Arbeitskraft,
durch den dem Kapitalisten Mehrwert erzeugt wird. Der Arbeiter, indem er seine
Arbeitskraft an den Kapitalisten verkauft, gibt damit die Bestimmung über seine
Arbeit an diesen ab. Der Arbeiter wird vom Kapitalisten gemäß dessen Zwecken
angewendet.
Unter den
historischen Bedingungen des kapitalistischen Verwertungsprozesses, in welchem
der Arbeiter als unselbständiger Teil der Produktion angewendet wird, kann die körperliche Arbeit mit der geistigen nicht
zusammengeführt werden. Die fortschreitende Entwicklung der dem
Verwertungsprozeß unterworfenen kapitalistischen Produktion bedeutet eine
fortschreitende Vereinseitigung und Verstümmelung der Lebensmöglichkeiten des
Arbeiters; »Während die Maschinenarbeit das Nervensystem aufs äußerste
angreift, unterdrückt sie das vielseitige Spiel der Muskeln und konfisziert
alle freie körperliche und geistige Tätigkeit. Selbst die Erleichterung der
Arbeit wird zum Mittel der Tortur, indem die Maschine nicht den Arbeiter von
der Arbeit befreit, sondern seine Arbeit vom Inhalt. Aller kapitalistischen
Produktion, soweit sie nicht nur Arbeitsprozeß, sondern zugleich
Verwertungsprozeß des Kapitals, ist es gemeinsam, daß nicht der Arbeiter die
Arbeitsbedingung, sondern umgekehrt die Arbeitsbedingung den Arbeiter anwendet,
aber erst mit der Maschinerie erhält diese Verkehrung technisch handgreifliche
Wirklichkeit. Durch seine Verwandlung in einen Automaten tritt das Arbeitsmittel
während des Arbeitsprozesses selbst dem Arbeiter als Kapital gegenüber, als
tote Arbeit, welche die lebendige Arbeitskraft beherrscht und aussaugt. Die
Scheidung der geistigen Potenzen des Produktionsprozesses von der Handarbeit
und die Verwandlung derselben in Mächte des Kapitals über die Arbeit vollendet
sich ... in der auf Grundlage der Maschinerie aufgebauten großen Industrie. Das
Detailgeschick des individuellen, entleerten Maschinenarbeiters verschwindet
als ein winzig Nebending vor der Wissenschaft, den ungeheuren Naturkräften und
der gesellschaftlichen Massenarbeit, die im Maschinensystem verkörpert sind« (Marx, MEW 23, S. 445 f.).
Die Art und
Weise, in welcher der Arbeiter durch den Verkauf seiner Arbeitskraft unter das
Kapital subsumiert ist, wird erst voll verständlich, wenn man das Moment der Kooperation in die Betrachtung zieht.
Die Kooperation, die – wie früher dargelegt – ein Grundcharakteristikum
gesellschaftlicher Arbeit ist, gewinnt erst in der bürgerlichen Gesellschaft im
Stadium der großen Industrie durch das Aufeinanderbezogensein der vielfältigen
maschinellen Arbeitsmittel gesamtgesellschaftliche Größenordnung und ist damit
wesentliche Bedingung für das ungeheure Wachstum der Produktivkräfte. Dadurch
erhält die Verfügungsgewalt des Kapitals über den Arbeiter die besondere
Qualität: Erschien »ursprünglich das Kommando des Kapitals über die Arbeit nur
als formelle Folge davon, daß der Arbeiter statt für sich, für den Kapitalisten
und daher unter dem Kapitalisten arbeitet ...«, so entwickelt sich mit der
»Kooperation vieler Lohnarbeiter ... das Kommando des Kapitals zum Erheischnis
für die Ausführung des Arbeitsprozesses selbst, zu einer wirklichen
Produktionsbedingung. Der Befehl des Kapitalisten auf dem Produktionsfeld wird
jetzt so unentbehrlich wie der Befehl des Generals auf dem Schlachtfeld« (Marx, MEW 23, S. 350). – Die Kooperation
im kapitalistischen Produktionsprozeß ist keineswegs eine von den unmittelbaren
Produzenten selbst bewußt geplante gemeinsame Tätigkeit. Der Arbeiter ist von
der geistigen und praktischen Verfügung
über die kooperative menschliche Tätigkeit notwendig ausgeschlossen. »Die
Kooperation der Lohnarbeiter ist ... bloße Wirkung des Kapitals, das sie gleichzeitig
anwendet. Der Zusammenhang ihrer Funktionen und ihre Einheit als produktiver
Gesamtkörper liegen außer ihnen, im Kapital, das sie zusammenbringt und
zusammenhält. Der Zusammenhang ihrer Arbeiten tritt ihnen daher ideell als
Plan, praktisch als Autorität des Kapitalisten gegenüber, als Macht eines fremden
Willens, der ihr Tun seinem Zweck unterwirft« (Marx, MEW 23, S. 351). Der Lohnarbeiter steht zwar objektiv in
ineinandergeschachtelten Kooperationsverhältnissen verschiedener Größenordnung,
von der aktuellen Koordination der Teilarbeiten bis hin zu übergreifenden
Kooperationsstrukturen zwischen ganzen Industriezweigen. Durch die Abtrennung der Arbeiter von der bewußten Planung des
Produktionsprozesses entfällt aber für das Bewußtsein der Arbeiter das
»Dritte«, die »gemeinsame Sache«, über die, wie früher dargelegt, die freie
Kooperation zwischen unmittelbaren Produzenten vermittelt ist, und durch welche jeder individuelle
Beitrag seinen einsehbaren gesellschaftlichen Sinn erhält. Der Arbeiter ist
mithin subjektiv nicht nur von der gesellschaftlichen Aufgabe, die er erfüllt,
abgetrennt, sondern befindet sich im Hinblick auf diese Aufgabe auch in Isolation zu jedem anderen Arbeiter.
Da der
Arbeiter von der bewußten Planung der kooperativ arbeitsteiligen Produktion ausgeschlossen
ist, kann auch sein Beitrag zur
Lebenserhaltung und Lebensentfaltung der Gesellschaft, den er objektiv leistet,
nicht das bewußte Ziel seiner Tätigkeit sein. Als subjektive Zwecksetzung
verbleibt deshalb nur der Lohn, den er vom Kapitalisten für seine Arbeit
erhält, und den er für seine individuelle Konsumtion verwendet. »Das Produkt seiner
Tätigkeit ist daher auch nicht der Zweck seiner Tätigkeit. Was er für sich
selbst produziert, ist nicht die Seide, die er webt, nicht das Gold, das er aus
dem Bergschacht zieht, nicht der Palast, den er baut. Was er für sich selbst
produziert, ist der Arbeitslohn, und
Seide, Gold, Palast lösen sich für ihn auf in ein bestimmtes Quantum von
Lebensmitteln ... Die zwölfstündige Arbeit ... hat ihm keinen Sinn als Weben,
Spinnen, Bohren usw., sondern als Verdienen, das ihn an den Tisch, auf die
Wirtshausbank, ins Bett bringt« (Marx,
MEW 6, S. 400 f.). – Die spezifisch »menschliche« Einheit zwischen
erkenntnisgeleiteter gesellschaftlicher Produktion und individueller Konsumtion
(vgl. etwa Marx, Gr., 1939/41, S. 11
ff.) ist also in der Lebenstätigkeit des Arbeiters auseinandergerissen. Wo er faktisch gesellschaftlich tätig ist,
im Produktionsbereich, gehört er nicht sich selbst, weil er sich an das Kapital
verkaufen mußte, wodurch ihm die bewußte Bestimmung über seine Arbeit versagt
ist. Im Privatbereich hingegen, in dem der Arbeiter scheinbar sich selbst
gehört, ist er von der gesellschaftlichen Produktion und damit jeder
gesellschaftlich, d.h. menschlich sinnvollen Tätigkeit abgeschnitten.
Aus: Klaus Holzkamp, Sinnliche Erkenntnis - Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung, 1973
1 Der so bestimmte Wert der Arbeitskraft ist keine konstante Größe, variiert mit aus dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte sich herleitenden Veränderungen der Bedürfnisse des Arbeiters. (Wir haben früher dargelegt, daß die Entwicklung der Bedürfnisse ein Moment der gesellschaftlich-historischen Entwicklung darstellt und daß die gesellschaftliche wie individuelle »Lebensnotwendigkeit« ein dynamischer Tatbestand ist, die menschliche Lebenserhaltung sich nicht mit der Erhaltung der physischen Existenz deckt; vgl. S. 139 f.) Der Wert der Arbeitskraft überschreitet unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen aber niemals die enge Grenze, jenseits derer sich die Arbeiterklasse in gesamtgesellschaftlich erheblicher Größenordnung aus ihrer Freiheit von Produktionsmitteln und damit Lohnabhängigkeit lösen könnte.
2 Die »Produktivität« der Arbeit ist je nach dem gesellschaftlichen Standpunkt unterschiedlich bestimmt: Vom allgemeingesellschaftlichen Standpunkt ist »produktive« Arbeit solche, die gesellschaftlichen Reichtum für alle schafft. Vom Partialstandpunkt des Kapitals ist »produktive Arbeit« das gleiche wie mehrwertschaffende Arbeit.

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